Fotografien von Ralf Bittner

6.2.2021-30.3.2021

teutoburger wald / silberbachtal / velmerstot

Wald / nebel / schweichelner wald / schweichelner Berg

Stille Tage
Die erste – sommerliche – Welle der Corona-Pandemie trieb die Menschen aus ihren Häusern und Städten ins Grüne. Viele entdeckten den Wald. Der Wald hat sich vom angstbesetzten Unort, in dem die wilden Wölfe wohnten, über das romantisch verklärte Idyll zu einem Ort einer katastrophalen Krise entwickelt. Hitze, Trockenheit, Borkenkäferbefall und neuerdings sogar Brände setzen dem Wald auch im gemäßigten Mitteleuropa zu. Der Heilung versprechende Sehnsuchtsort ist selbst Indikator und Schauplatz einer weltweit voranschreitenden Krise von unabsehbarer Dauer.

 

Vielen war die sich anbahnende Veränderung nur medial, quasi als Statistik oder als sich selbst immer schneller realisierende Dystopie bekannt, aber nicht erfahrbar. Jetzt sind die gefällten Bäume, die sich an den Wegen stapeln, weil sich keine Abnehmer mehr finden, unübersehbar. Unübersehbar sind auch die Lichtungen und sauberen Kanten, die statt geschichteter Waldränder die Grenze zwischen Wald und gerodeter Fläche markieren. Die Schnittflächen der Gefällten machen sichtbar, wie krank Bäume und Wald bis ins Mark sind. Und über dem geräumten Grund schwebt die Frage: Was pflanzen, das die kommenden 50 und 60 Jahren überlebt?

 

Die Veränderungen vollziehen sich aber so langsam, dass sie nur im Jetzt nicht erfahrbar sind. Nur wer weiß, wie dicht das Blätterdach über dem Boden des Buchenmischwaldes einmal war, kann sich im lichten Wald nicht so recht freuen. Aufforstungen in Reih und Glied verraten, wie industriell Einheitsholz inzwischen produziert wird, und sagen „Alle werden fallen!“

Im Wald werden die Fehler von Gestern, die Auswirkungen der Klimakrise heute und die Notwendigkeit Lösungen für die Zukunft eher heute als morgen zu finden, erfahrbar. Der Wald als Kulturwald ist Ergebnis davon was passiert, wenn unberührte Natur menschlichen Bedürfnissen angepasst wird. Im Wald wird auch sichtbar, dass das spätestens seit Beginn der Industrialisierung betriebene Terraforming an seine Grenzen gestoßen ist.

Der Wald ist Natur und Kultur in einem und Ergebnis menschlicher Interventionen und Mahner zur Umkehr. Es ist alles da.        Text v.Ralf Bittner zur Ausstellung